IAB-Experte Enzo Weber zum Abschwung am Arbeitmarkt

Nachdem die deutsche Wirtschaft bereits im Winterhalbjahr 2022/23 leicht geschrumpft ist, hat sie die Wachstumsschwäche auch im Frühjahr nicht überwinden können und stagniert seither. Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB, spricht im Interview über die aktuelle IAB-Prognose zur Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt.

Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen (also nicht wortwörtlich), das komplette Interview kann hier nachgelesen werden:

Zur prognostizierten Erholung der deutschen Wirtschaft

Der Wirtschaftsabschwung hat sich in Deutschland festgesetzt. Die Inflation befindet sich immer noch auf hohem Niveau und fällt nur langsam, während die Zinsen steigen. Das beeinträchtigt natürlich den Konsum und auch das Baugewerbe. Hinzu kommt eine schwache Auslandsnachfrage. Die Erholung der Konjunktur setzt aus all diesen Gründen später ein, als wir noch zu Jahresbeginn angenommen hatten. Für dieses Jahr prognostizieren wir dementsprechend jetzt einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 0,6 Prozent.

Optimismus für 2024 berechtigt?

Ja, davon gehen wir aus. Für nächstes Jahr erwarten wir eine niedrigere Inflation und damit einhergehend auch wieder eine wirtschaftliche Erholung mit einem Wachstum von 1,1 Prozent. Die Konjunkturdynamik sollte global wieder anziehen, und damit auch unser Außenhandel. Auch die Industrieproduktion dürfte sich wieder erholen. Die hohen Tarifabschlüsse und die Inflationsprämien unterstützen den Konsum. Das gilt auch für das neu eingeführte Bürgergeld. Es wird im Jahr 2024 noch einmal erhöht und unterstützt einkommensschwächere Haushalte.

Lässt der aktuell noch anhaltende Wirtschaftsabschwung die Arbeitslosigkeit wieder steigen?

Der Arbeitsmarkt wird durch den anhaltenden Wirtschaftsabschwung natürlich beeinträchtigt. Gemessen an der schwachen Konjunktur hält er sich aber vergleichsweise gut. Die Zahl der Arbeitslosen wird unseren Prognosen zufolge dennoch um 190.000 in diesem und um 60.000 Personen im kommenden Jahr zunehmen. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer signalisiert in den nächsten Monaten eine ungünstige Entwicklung für die Arbeitslosigkeit. Dies liegt auch daran, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer derzeit noch an Integrationskursen und anderen Maßnahmen teilnehmen und anschließend auf Jobsuche gehen werden. Ich sehe aber die größere Herausforderung bei der Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit.

Die Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten liegt deutlich über dem Stand von 2019. Und trotzdem wächst die Beschäftigung?

Die Erwerbstätigkeit reagiert in Deutschland seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2009 wesentlich robuster auf konjunkturelle Schwankungen als davor. Angesichts der gestiegenen Arbeitskräfteknappheit versuchen viele Betriebe, ihre Beschäftigten selbst in konjunkturellen Schwächephasen zu halten. Diese grundsätzliche Stabilität kommt dem Arbeitsmarkt auch bei der Verarbeitung des wirtschaftlichen Schocks infolge des Krieges gegen die Ukraine zugute. Wir gehen davon aus, dass sich der Aufwärtstrend bei der Beschäftigung fortsetzen wird – aufgrund des nun mehrere Quartale anhaltenden Wirtschaftsabschwungs gibt es aber zunächst einen Dämpfer.

Wie bewertet er den sehr hohen Arbeitskräftebedarf in einigen Branchen?

In der Pflege steigt der Bedarf aufgrund der alternden Bevölkerung, in der Bildung durch den Ausbau von Kindertagesstätten, im Handwerk unter anderem wegen der Energiewende und in der IT im Zuge der Digitalisierung. Allerdings wird das Beschäftigungswachstum langfristig durch Personalmangel in vielen Bereichen begrenzt.

Die Herausforderungen der deutschen Wirtschaft und des Arbeitsmarktes

Die deutsche Wirtschaft hat im Winterhalbjahr 2022/23 einen leichten Rückgang verzeichnet und konnte diese Wachstumsschwäche auch im Frühjahr nicht überwinden, was zu einer anhaltenden Stagnation geführt hat. Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB, gibt in diesem Interview Einblick in die aktuelle IAB-Prognose zur Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes.

Optimistischer Ausblick für 2024

Können wir für das Jahr 2024 optimistischer sein? Ja, das ist durchaus möglich. Für das kommende Jahr erwarten wir eine niedrigere Inflation, was wiederum eine wirtschaftliche Erholung mit einem Wachstum von 1,1 Prozent zur Folge haben sollte. Die weltweite Konjunktur dürfte sich wieder beleben, was sich positiv auf unseren Außenhandel auswirken wird. Auch die Industrieproduktion sollte wieder Fahrt aufnehmen. Die hohen Tarifabschlüsse und die Inflationsprämien werden den Konsum weiterhin stützen. Dies gilt auch für das neu eingeführte Bürgergeld, das im Jahr 2024 erneut erhöht wird und einkommensschwächere Haushalte unterstützt.

Arbeitslosigkeit in Zeiten des anhaltenden Wirtschaftsabschwungs

Natürlich wird der Arbeitsmarkt durch den anhaltenden wirtschaftlichen Abschwung beeinflusst. Im Vergleich zur schwachen Konjunktur hält er sich jedoch vergleichsweise gut. Unsere Prognosen zeigen dennoch, dass die Arbeitslosenzahlen in diesem Jahr um 190.000 und im kommenden Jahr um 60.000 Personen steigen werden. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer signalisiert in den nächsten Monaten eine ungünstige Entwicklung in Bezug auf die Arbeitslosigkeit. Dies hängt auch damit zusammen, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer derzeit an Integrationskursen und anderen Maßnahmen teilnehmen und anschließend auf Jobsuche gehen werden. Die größte Herausforderung sehe ich jedoch in der Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit.

Langzeitarbeitslosigkeit als Herausforderung

Warum ist das so? Die Jobchancen für Arbeitslose sind seit Beginn der Pandemie gesunken und haben sich seitdem nicht wieder erholt. Demzufolge liegt die Langzeitarbeitslosigkeit deutlich über dem Niveau vor der Pandemie, obwohl wir insgesamt einen hohen Bedarf an Arbeitskräften haben. Auch die Arbeitslosigkeit von Geringqualifizierten liegt deutlich über dem Stand von 2019. Dennoch wächst die Beschäftigung. Wie lässt sich das erklären?

Robuste Erwerbstätigkeit in Deutschland

Die Erwerbstätigkeit in Deutschland reagiert seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2009 wesentlich stabiler auf konjunkturelle Schwankungen als zuvor. Angesichts des gestiegenen Fachkräftemangels versuchen viele Unternehmen, ihre Mitarbeiter auch in wirtschaftlich schwächeren Phasen zu halten. Diese grundlegende Stabilität wirkt sich auch positiv auf den Arbeitsmarkt im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts aus. Wir gehen davon aus, dass der positive Trend bei der Beschäftigung anhalten wird, aber aufgrund des langanhaltenden wirtschaftlichen Abschwungs in den nächsten Quartalen gedämpft wird.

Fazit

Die wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Entwicklung steht angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche, tiefgreifender Transformationen und des Fachkräftemangels vor zahlreichen Herausforderungen. Die grundlegende Knappheit an Arbeitskräften dürfte sich durch die in den Ruhestand gehenden Babyboomer weiter verschärfen. Der hohe Wettbewerb um Arbeitskräfte bietet jedoch die Möglichkeit, Potenziale auf dem Arbeitsmarkt zu nutzen und die vorhandenen Arbeitskräfte produktiver einzusetzen. Die grüne Transformation und die fortschreitende Digitalisierung bringen Chancen für Innovation, Technologieentwicklung und neue Wertschöpfung mit sich. Hierfür ist ein umfassendes Transformationsprogramm erforderlich, das auf Investitionsförderung, Infrastruktur, Kompetenzentwicklung und Datenpolitik setzt und gleichzeitig die Fachkräftesicherung gewährleistet.

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